"Ich glaube an eine Politik, die dazulernt“

03.12.2020
Interview

Ahmad Mansour hat sich bundesweit einen Namen als Experte in der Extremismusprävention gemacht. Der Autor und Psychologe berät den rheinland-pfälzischen CDU-Politiker Christian Baldauf in Bildungs- und Integrationsthemen. Wir sprachen mit dem palästinensischen Israeli.

Herr Mansour, wie kam es zu dem Kontakt zu Christian Baldauf und was hat sie bewogen, ihn im Wahlkampf zu beraten?

Wir haben uns auf verschiedenen Veranstaltungen zum Thema Integration und Migration kennengelernt, unter anderen bei der Konrad-Adenauer-Stiftung. Ich habe mich über die Anfrage von Christian Baldauf sehr gefreut. Mir geht es nicht um Parteipolitik, sondern um die Themen, Bildung und Migration. Da möchte ich etwas bewegen. Ich glaube an eine Politik, die dazulernt, die die Herausforderungen dieser Gesellschaft annimmt und nicht verdrängt. Die Antworten finden möchte.

Sie arbeiten auch mit Schülern in der Extremismusprävention. Wie sind da Ihre Erfahrungen?

Wir arbeiten mit unterschiedlichen Zielgruppen, etwa mit Flüchtlingen, die wir in Willkommensklassen, Asylunterkünften und Integrationskursen erreichen. An Gymnasien und Realschulen betreiben wir Wertevermittlung und Extremismusprävention – und zwar jegliche Form von Extremismus. Wir gehen auch in die Gefängnisse. Wir versuchen gegen radikale Tendenzen zu arbeiten, Jugendliche zu erreichen, mit politischer Bildung. Die Erfahrungen, die ich mache, sind sehr unterschiedlich. Wir haben keine homogene Gruppe, aber ich treffe auf Menschen, die politisch interessiert sind, ihre Themen mitbringen. Die wollen diskutieren. Sie mögen nicht immer meiner Meinung sein oder demokratisch eingestellt sein. Aber das ist genau die Arbeit, die fehlt. Wir müssen die Jugendlichen erreichen, wir müssen Werte dieser Gesellschaft vermitteln, ohne eine Debatte aufzuzwingen. Die Jugendlichen sollen lernen, ihre Meinung äußern, aber auch gegensätzliche Meinungen auszuhalten.

Was kann die Schule, was können die Lehrer leisten?

Ein Lehrer alleine kann das nicht schaffen. Die Schule kann viel leisten, aber sie braucht die Unterstützung der Politik. Und sie braucht klare Regeln, wie sie mit Herausforderungen umgeht. Nehmen Sie etwa das Thema Schwimmunterricht.

Wie genau muss die Lehrerausbildung verändert werden?

An den Schulen sollten Themen wie Antijudaismus, Antizionismus, Nahostkonflikt und antisemitische Stereotype bundesweit zum Curriculum gehören. Die Lehrer müssen darauf vorbereitet werden, kontroverse Themen im Unterricht sachlich und differenziert zu besprechen. Da geht es auch um aktuelle Tendenzen, etwa Verschwörungstheorien. Die bisherigen Konzepte verkennen die gewachsene Vielfalt in Deutschland. Viele Menschen mit Migrationshintergrund haben eine vorprägte Meinung zum Nahostkonflikt und können mit dem herkömmlichen Geschichts- und Gesellschaftskundeunterricht wenig anfangen.