Jüdische Autorin Gila Lustiger erhält den Stefan-Andres-Preis

16.06.2017
Pressemitteilung

Freitag, 16.06.17, 18 Uhr, ehemalige Synagoge Schweich, Richtstr. 32, 54338 Schweich. Julia Klöckner hält die Laudatio auf die Preisträgerin.

Gila Lustiger wird mit dem Stefan-Andres-Preis für Literatur deutscher Sprache, der alle drei Jahre verliehen wird, geehrt. Die Autorin hat ihre Kindheit und Jugend in Deutschland verbracht und ging später nach Israel, um an der Hebräischen Universität in Jerusalem Germanistik und Komparatistik zu studieren. Seit 1987 lebt sie als Schriftstellerin und Journalistin in Paris. Gila Lustigers Leben, die Geschichte ihrer Familie, ist eng verwoben mit den Schrecken des Dritten Reiches, der Terrorherrschaft der Nationalsozialisten.

„Mit ein Grund, weshalb sie öffentlich ihre Stimme erhebt, für Verantwortung in der Gesellschaft und für kulturelle und gesellschaftliche Freiheit eintritt, die Verteidigung der Menschenrechte und für die Einheit und Stabilität Europas. Ich finde, eine bessere Wahl hätte die Stefan-Andres-Gesellschaft gerade in diesem Jahr gar nicht treffen können“, betont die Laudatorin und CDU-Landeschefin, Julia Klöckner MdL.

Gila Lustigers „vorurteilsfreie Sichtweise auf die gesellschaftliche Situation in Frankreich“ weist sie nach Auffassung der Jury als geistige Verwandte von Stefan Andres aus. In ihren Erzählungen arbeitet sie ihre eigene Familiengeschichte auf. Wie sensibel – und letztlich auch präsent - das Thema ihrer eigenen Familiengeschichte sowie ihr Leben als Deutsche in Frankreich ist, zeigt sich dem Leser in situativen Alltagsschilderungen. Antisemitische Gedanken, Anzeichen von Ausgrenzung rufen schmerzliche Erinnerungen hervor und sind gleichzeitig eng verknüpft mit einem als äußerst real empfundenen Gefühl einer neuerlichen, aktuellen Bedrohung. Aus dieser Situation heraus gewinnt die Beschreibung der gesellschaftspolitischen Situation in Frankreich eine neue, sehr authentische Bedeutung.

Julia Klöckner: „Ein atmosphärisch sehr dichtes und auch stellenweise sehr bedrückendes Buch – zu lesen und zu spüren, wie nicht nur auf Seiten der Täter, sondern auch auf Seiten der Opfer des Dritten Reiches großes Schweigen herrschte. Wir können das Vergangene nicht ungeschehen machen, aber daraus Lehren ziehen. Wir können versuchen, den Blick nachfolgender Generationen zu schärfen. Das ist wichtig für die Gegenwart - dass wir sensibel auf Spuren des Hasses achten. Denn wir erleben im Moment in Deutschland, in Frankreich, ja in vielen Ländern, eine besorgniserregende Entwicklung. Stichwort: Digitale Gewalt, Fake News und Hate Speech. Aus dem Dickicht der Anonymität des Internet kommt es schneller zu Radikalisierungen, zu persönlichen Verunglimpfungen und Verletzungen des Persönlichkeitsschutzes, zu Shitstorms. Aber Sozial Media ist wie ein Megaphon. Der Hass wird lauter gehört. Und aufgegriffen, von Terroristen, von Extremisten aller Art.“

Gila Lustiger weiß, dass Sprache Handeln vorbereiten kann. Worte sind nur allzu oft die Vorstufe von Taten. Sie formen Bewusstsein. Und können Nährboden für physische Gewalttaten sein. Die Autorin beschreibt Menschen und Verhältnisse so komplex und widersprüchlich, wie sie sind und nicht wie sie sein sollen. Sie studiert die reale Befindlichkeit der Menschen, frei von Vorurteilen und Illusionen.

Julia Klöckner: „Für mich persönlich ist es etwas Besonderes, auf Gila Lustiger, auf diese renommierte Autorin mit bewegtem Leben und prämiierten Werk die Laudatio halten zu dürfen. Besonders auch noch einmal mehr, da ich für vier Tage nach Israel anschließend aufbreche zu politischen Gesprächen.“

Hintergrund

Der Stefan-Andres-Preis der Stadt Schweich für Literatur deutscher Sprache ist eine Auszeichnung, die – mit Ausnahmen – alle drei Jahre verliehen wird; sie ist mit 5000 Euro dotiert. Dorothee Andres, die Witwe des verstorbenen Dichters Stefan Andres, ist Initiatorin des Stefan-Andres-Preises. Die Stefan-Andres-Gesellschaft wurde 1979 in Schweich an der Mosel gegründet und hat ihren Sitz seit 1983 im mittelalterlichen, restaurierten Kulturzentrum Niederprümer Hof. Sie zählt nahezu 500 Mitglieder in 14 Staaten West- und Osteuropas, in Kanada, den USA, Mexiko, in Moskau und Peking. Im Ausland sind es meist Literaturwissenschaftler oder Germanisten, Publizisten oder Journalisten, im Inland Professoren, Lehrer, Studenten und Schüler.